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«Fernweh kannten unsere Grosseltern nicht»

Text

Monica Müller

Erschienen

17.11.2021

Zug fährt über die Brücke

Seit wann gehen wir eigentlich in die Ferien? Brauchen wir sie überhaupt – oder sind sie ein reines Privileg?

Herr Groeber, wird der Klimawandel uns in Zukunft vom Reisen abhalten?

Na ja, die scharfe Kritik am Tourismus gibt es schon seit mehr als 170 Jahren. Sie ist so alt wie der Fremdenverkehr selbst. John Ruskin hat schon 1857 geschrieben, dass die Schönheit der Berge durch ihre vielen begeisterten Besucher für immer zerstört sei. Seitdem wird das regelmässig wiederholt. Tourismus ist seit Anfang an die Industrie des schlechten Gewissens. Und ein unersättlicher Allesfresser, denn die Tourismusbranche bietet seither den besseren Urlaub an den richtigen Stellen an – dort, wo es noch schön ist.

Was ist mit Flugscham?

Ich bin als Wirtschaftshistoriker ausgebildet und rede deswegen lieber über Geld als über Scham. Weshalb sollten die Leute denn aufhören, so lange es so billig ist, über so weite Distanzen zu fliegen?

Und doch ist das Bewusstsein gewachsen, dass man nicht für zwei Tage nach Amsterdam fliegen sollte.

Ich bin dafür kein Spezialist, aber ich fürchte, die Leute reden zwar gerne über Klimaschutz, wollen aber nichts ändern. Noch nie wurde in Europa so viel Fleisch gegessen wie jetzt; noch nie waren so viele und so grosse Autos unterwegs. Und noch nie waren so viele Menschen in Flugzeugen unterwegs wie 2019. Nicht die Angst vor dem Klimawandel hat das Fliegen gestoppt, sondern die staatlichen Massnahmen gegen das neue Virus. Wenn der Energiekonsum sehr viel teurer würde, würde die meisten ihr Verhalten ändern, vermute ich. Sonst nicht.
 

Türkises Meer, Sandstrand und Palmen

Die Schweizer und Deutschen sind ja davon überzeugt, dass sie den Urlaub verdient haben, weil sie so viel arbeiten, nur stimmt das nicht.

Valentin Groebner

In anderthalb Jahren Pandemie haben viele den Reiz des Lokalen entdeckt. Trotzdem wollen sie jetzt wieder weg. Und zwar so schnell und so weit wie möglich. Weshalb?

Weil das ein altes Statussymbol ist – und wir es seit 50 Jahren gewohnt sind. Wenn ich für zwei, drei Wochen nach Südindien oder Sri Lanka fliege, gehöre ich dort automatisch zu den reichen Leuten. Das ist schmeichelhaft.

In New York nicht unbedingt.

In den USA gibt es keinen garantierten Jahresurlaub. Der Grossteil der Amerikaner hat sehr viel weniger Ferien als wir. Die Schweizer und Deutschen sind ja davon überzeugt, dass sie den Urlaub verdient haben, weil sie so viel arbeiten, nur stimmt das nicht. In Griechenland, Portugal, Spanien ist die durchschnittliche Lebensarbeitszeit deutlich länger als in der Schweiz. Nur verdienen die Leute dort weniger. Und in Sri Lanka und Thailand ist das Verhältnis noch viel extremer.
 

Portrait Valentin Groebner

Foto: zVg Valentin Groebner

Zur Person

Valentin Groebner (59) ist Professor für die Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Er hat mehrere Bücher verfasst, darunter «Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen» (S.-Fischer-Verlag, 2018) und «Ferienmüde» (2020).

Wie viele Menschen müssen hierzulande auf Ferien verzichten?

Für die Schweiz gibt es dazu keine Zahlen. In Deutschland waren es 2019 immerhin 39 Prozent, die nicht länger als fünf Tage pro Jahr in den Urlaub gefahren sind. Dabei sind die Deutschen doch eigentlich überall, dachte ich mir vorher, die Reisehelden. Wer aber wirklich berufliche Sorgen hat, wer pflegebedürftige Eltern betreut oder selbst krank ist, der fährt nicht weg. Und redet auch nicht über Fernweh. Vielleicht fahren wir vor allem deswegen in den Urlaub, damit alles so bleibt, wie es ist – aus Angst, dass es plötzlich anders sein könnte.

Für viele ist das Gefühl von Fernweh aber sehr real. Wieso spüren wir es?

Aus Gewohnheit. Dass wir das Jahr in Arbeits- und Ferienzeit unterteilen, ist ein Ritual aus der Nachkriegszeit. Unsere Urgrosseltern und Grosseltern kannten dieses Gefühl in den allermeisten Fällen nicht.

Ein Luxusproblem also?

In den meisten Ländern der Welt machen die Leute keinen Urlaub in der Form, wie es die Schweizer, Deutschen und Österreicher tun. Das hat mit Wohlstand zu tun. Im Urlaub können wir so tun, als ob das Wirtschaftswunder nie zu Ende wäre. Ferien sind eine theatralische Selbstinszenierung mit Zuschauern. Wir sorgen dafür, dass die andern wissen, wo wir sind. Wir erzählen es, wir schicken Fotos oder posten sie auf sozialen Kanälen.

Warum haben wir Freude, wenn wir den andern zeigen können: Während du im Büro hockst, liege ich am Strand?

Weil Urlaub ein altes soziales Privileg ist, und wir tun gerne so, als ob wir die Nachkommen der reichen Leute vom Ende des 19. Jahrhunderts wären. Als der Tourismus in der uns bekannten Form entstand, in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, konnten nur die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung Ferien machen. Gesetzlichen Mindesturlaub gab es nicht. Drei, vier Wochen zu verreisen konnten sich nur Leute mit viel Geld leisten. In die Sommerfrische zu gehen hiess: Ich gehöre zu den besseren Leuten. Reisen ist ein Produkt der Industrialisierung, so wie die Eisenbahn und die Grand Hotels.
 

In die Sommerfrische zu gehen hiess: Ich gehöre zu den besseren Leuten. Reisen ist ein Produkt der Industrialisierung, so wie die Eisenbahn und die Grand Hotels.

Valentin Groebner, Historiker

Und wann wurde es Alltag, Ferien zu machen?

«Ferien für alle» war ein Slogan, den Benito Mussolini ab 1922 verkündet hat. Nationale Ferienheime und Stiftungen sollten auch Arbeitern und kleinen Angestellten eine Auszeit vom Alltag ermöglichen. Die Nationalsozialisten haben das sofort kopiert. So entstanden die staatlich organisierten Ferien, zur Hebung der Arbeitsmoral und zur Belohnung des politischen Wohlverhaltens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das auch in anderen Ländern aufgegriffen, als die dafür wohlhabend genug geworden waren. Urlaub in der uns bekannten Form ist ein Produkt des Wirtschaftswunders der 1950er und 60er Jahre.

Wie sind Sie dazu gekommen, als Historiker das Thema Reisen wissenschaftlich aufzuarbeiten?

Ich bin immer gerne weggefahren. Aber dann hatte ich von Jahr zu Jahr mehr den Eindruck, dass irgendwas nicht mehr stimmt – eine Art Lustlosigkeit, ein Überdruss am Wiederholen. Also habe ich mich gefragt: Was suche ich denn auf Reisen, das ich sonst nicht haben kannUnd ist mein Leben durch die vielen Reisen über viele Jahre hinweg wirklich anders geworden?

In Ihren Büchern übers Reisen erkunden Sie die dunkle Seite der Ferien.

Tourismus in der uns vertrauten Form ist nichts anderes als Konsum: Er ist das Produkt einer Dienstleistungsindustrie, die behauptet, keine zu sein und nur für Sie und mich persönlich da zu sein, für unsere Wünsche. Dieser Tourismus beruht auf der schlecht bezahlten Arbeit anderer, in der Schweiz genauso wie in Griechenland, Thailand oder Italien. Die gesamte touristische Infrastruktur in der Schweiz, in Österreich und Deutschland würde sofort zusammenbrechen, wenn es keine billigen Arbeitskräfte aus Sri Lanka, Portugal, aus der Slowakei oder Rumänien mehr gäbe.

Können Sie die Zeit, in der Sie verreist sind, denn überhaupt noch geniessen? 

Ich versuche jede Reise zu geniessen. Aber oft komme ich auch enttäuscht zurück und sage mir: Das nächste Mal mache ich es besser. Das geht aber ziemlich vielen Leuten so. Frage ich fremde Menschen beim Abendessen, was sie beruflich machen, lerne ich immer Spannendes dazu. Frage ich sie, wo sie in den Ferien waren, stelle ich regelmässig fest, dass wir zur selben Zeit an dieselben Orte fahren, wir grossen Individualisten. Der Urlaub ist eine sehr effiziente soziale Sortiermaschine. Bestimmte Leute gehen auf den Campingplatz, andere in Designhotels. Ganz oft sind die beiden nur fünfzig Schritte auseinander. Aber je nachdem, wer wo ist, gehört das zur Lebensgeschichte der Leute und ihrem Selbstbild. Ich fahre in die Ferien, um ein Bild von mir selbst aufrechtzuerhalten, wer ich bin. Hätte ich wirklich Fernweh, würde ich in ein weit entferntes Land arbeiten gehen. Ferien verändern überhaupt nichts.
 

Ausgrabung in Griechenland

Den einen liefern die Strandferien als Wiedergutmachung, weil ihr Bürojob so eintönig ist. Den anderen wird versprochen: Im Urlaub wirst du gebildeter, kultivierter und lernst die richtigen Leuten kennen.

Valentin Groebner

Aber die meisten wollen sich doch auch nicht verändern, sondern einfach entspannen und die Zeit geniessen.

Der Tourismus ist eine unglaublich smarte und kreative Branche. Den einen liefern die Strandferien als Wiedergutmachung, weil ihr Bürojob so eintönig ist. Den anderen wird versprochen: Im Urlaub wirst du gebildeter, kultivierter und lernst die richtigen Leuten kennen. Oder auch: Mach Ferien, nur so bekommst du den Körper, den du immer haben wolltest.

Was können Ferien uns denn geben?

In meinem Leben sind die wirklich spannenden Dinge im Alltag passiert, nicht in den Ferien. Und meistens ungeplant. Aus dieser Erfahrung habe ich meine Bücher über die Geschichte des Tourismus geschrieben, und meine private Lektion daraus lautet: Nichts, was ich gern machen möchte, in den Urlaub aufschieben. Oder abschieben. Sondern es im Alltag tun. Das Leben wird dann auch einfach lustiger. Eine Lektion aus dem Lockdown im Jahr 2020 war ja, wie abenteuerlich der eigene Alltag sein kann, wenn plötzlich nichts mehr los ist. Ich habe alles Mögliche vermisst, vor allem Freunde und fremde Leute, aber das Wegfahren am wenigsten. Die leeren Autobahnen, die Stille in den Bergen und der Himmel ohne Kondensstreifen, das war schon sehr schön.
 

 

Fünf junge Menschen laufen auf dem Bahnsteig an einem stehenden Zug vorbei.

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Fotos: Getty Images

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