Header

Ideen schmieden im Güterschuppen

Text

Simon Koechlin

Erschienen

28.03.2025

Projektraum_Glarus-233_2880x1260

Das Migros-Kulturprozent initiiert Workshops in der ganzen Schweiz, an denen engagierte Menschen lokale Projekte diskutieren und weiterentwickeln. Wie rasch solche Projekträume den lokalen Zusammenhalt verbessern können, zeigt ein Augenschein in Glarus.

Es herrscht eine aufgeräumte Stimmung in der «Gepäckausgabe». Normalerweise finden in dem hellen Raum im ehemaligen Güterschuppen am Bahnhof Glarus Kunstausstellungen statt. Heute aber, an einem Samstagnachmittag im März, treffen sich rund 30 engagierte Menschen, um innovative Ideen und Projekte zu diskutieren, die den sozialen Zusammenhalt in der Region stärken wollen. Manche der Anwesenden kennen einander bereits. Zwei Männer begrüssen sich herzlich – der eine sagt zum anderen: «Du hilfst ja an jedem Anlass mit!»

Der Anlass heute ist ein Ideenworkshop mit dem Titel «Projektraum». Ins Leben gerufen hat dieses Förderangebot das Migros-Kulturprozent. Seit der Pilotierung im Herbst 2023 organisiert und unterstützt das Migros-Kulturprozent schweizweit acht bis zehn Projekträume pro Jahr – mit der Idee, Menschen zusammenzuführen, die sich für ihre Stadt, ihr Quartier oder ihr Dorf einsetzen. Gemeinsam werden Ideen diskutiert, hinterfragt und entwickelt, die das Zusammenleben fördern. «Gerade in heutigen Zeiten drohender Polarisierung sind solche Projekte wichtig», sagt Sandro Hodel, Themen- und Projektleiter Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur des Migros-Genossenschafts-Bundes. «Sie sind der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.»

Sandro Hodel

«Mitmachen kann jede und jeder. Der Projektraum lebt von unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Kompetenzen, welche die Teilnehmenden mitbringen.»

Sandro Hodel, Themen- und Projektleiter Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur des Migros-Genossenschafts-Bundes

In der «Gepäckausgabe» haben sich inzwischen alle Teilnehmenden ein grosses Namensschild um den Hals gehängt. Dessen Farbe zeigt an, wer in welcher Rolle teilnimmt: Projektmacher*innen, erkennbar an den blauen Schildern, haben ihre Projektidee mitgebracht, um neue Inputs zu erhalten. Mitdenker*innen bringen ihre Perspektiven, Ideen, Erfahrungen und ihr Netzwerk ein. «Mitmachen kann jede und jeder», sagt Sandro Hodel. «Der Projektraum lebt von unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Kompetenzen, welche die Teilnehmenden mitbringen.»

Projektraum_Glarus-249 1878x1252

Am Projektraum treffen Projektmacher*innen auf Mitdenker*innen.

Kreativ – und unterstützend

Nach einer kurzen Kennenlern- und Auflockerungssession beginnt die erste Denkrunde. Drei Projektmacher*innen stellen ihre Ideen in dreiminütigen Kurzpräsentationen vor. Danach wird in Gruppen diskutiert. Die Vorgaben, welche die Moderatorinnen Daniela Preti und Flavia Fries den Mitdenker*innen machen, sind einfach: «Seid positiv, kreativ und unterstützend. Beurteilt nicht das Projekt als gut oder schlecht, sondern behaltet den Fokus auf den Fragen, die den Macher*innen wichtig sind.»

Die Projektideen sind vielfältig und innovativ: Ein Team möchte den historischen «Hänggiturm» in Ennenda, in dem auch das Anna Göldi Museum untergebracht ist, als Kultur- und Begegnungsort für alle öffnen. Doch die Räume füllen sich nicht von selbst und die Miete muss finanziert werden. Die Macherinnen erhoffen sich neue Denkanstösse: Welche Angebote eignen sich? Was für Kollaborationen könnte man eingehen?

Das Ziel des Projektes «Wir sind Glarus» wiederum ist es, eine Community ins Leben zu rufen, die aktuelle, für die Region relevante Themen sammelt, diskutiert und angeht. Dreh- und Angelpunkt ist eine digitale Plattform, auf der jede und jeder ein Thema eingeben und durch ein Abstimmungs-Tool das Interesse daran sondieren kann. Doch mit welchen Formaten und an welchen Orten sollen die Themen danach bearbeitet werden? Wie lassen sich auch junge Menschen abholen? Diese Fragen stellen die Macher*innen in ihrer Runde.

Ideen, Kontakte, Stolpersteine

Bei «Creavolution» geht es um generationenübergreifendes Zusammenleben. Die beiden Macher, Andreas Ulrich und Markus Cotti, haben einen Verein gegründet, dessen Mitglieder aus verschiedenen Altersgruppen kommen und durch das Ziel vereint sind, solidarisch zusammen zu wohnen und zu leben. Zur Diskussion stehe die Errichtung einer solchen Gemeinschaft in einem grossen Haus in Nuolen SZ, erzählen die beiden. Allerdings seien auch andere Lösungen denkbar. 

Was braucht es, damit Menschen verschiedener Generationen eine Gemeinschaft bilden? Das ist die Frage, um die sich die Diskussion in dieser Gruppe dreht. Die Mitdenker*innen weisen auf Stolpersteine hin, liefern Ideen und mögliche Kontakte. Gemeinschaftsräume, gemeinsame Kurse, Kinderbetreuung und Aufgabenhilfen für Schüler*innen sind nur einige der Ideen, die am Schluss auf farbigen Post-It-Zettelchen an der Wand kleben. 

Die beiden Macher erhalten mehrere Tipps zu ähnlichen, bereits existierenden Gemeinschaften. Und ein Mitdenker betont, wie wichtig es für solche Projekte ist, dass ein Zugpferd existiert – jemand, der das Vorhaben vorantreibt und vorlebt. Am Ende sind die Projektleiter einen wichtigen Schritt vorangekommen, wie Andreas Ulrich sagt: «Uns ist einiges klarer geworden: Es braucht eine Trägerschaft; Konzept und Räumlichkeiten müssen zusammenpassen – und die Schwerpunkte ändern sich über die Jahre, weil die Menschen in andere Lebensphasen kommen.» Und Markus Cotti dankt der Runde für die vielen guten Ideen. «Gemeinsam können verschiedene Altersgruppen etwas schaffen, das einem Einzelnen nicht möglich ist», sagt er.

Projektraum_Glarus-281_1878x1252

Die Projektmacher*innen schildern eine Herausforderung, die Mitdenker*innen bringen ihre Perspektiven, Ideen, Erfahrungen und ihr Netzwerk ein.

Innenhöfe aufwerten

Die Gespräche ziehen sich weit in die verdiente Pause hinein. Doch nach Kaffee und Kuchen warten bereits die nächsten drei Projekte auf Ideen: «Diwan – Kultur für neue Perspektiven» ist eine Veranstaltung, die im September 2025 in Glarus stattfindet und sich mit Migrationsfragen und Konfliktlösung beschäftigt. Die Macherinnen möchten herausarbeiten, mit welchen partizipativen Elementen und welchen Partnerschaften sie ihren Anlass für die Glarner Bevölkerung möglichst attraktiv gestalten können.

Ein nächstes Projekt beschäftigt sich mit den Innenhöfen in den Häuserquadraten, die beim Wiederaufbau der Stadt Glarus nach dem grossen Brand von 1861 entstanden. Einst trafen sich Anwohner*innen in diesen Höfen und holten dort Wasser aus dem Brunnen. Heute dienen viele Innenhöfe lediglich als Parkplätze. In der Diskussionsgruppe wird ausgelotet, welche Potenziale solche Innenhöfe in Glarus haben – und wie es gelingt, sie als attraktive Nachbarschaftsräume zu gestalten.

Projektraum_Glarus-334_1878x1252

Sechs lokale Projekte sind dank der Ideen und Erfahrungen der Mitdenker*innen einen grossen Schritt weitergekommen.

Treffpunkt für Queers

Eva-Maria Kreis und Werner Kälin vom Verein «Hössli Haus» schliesslich stellen die Frage, wie ein Begegnungsort für die queere Community im Glarnerland aussehen könnte. «Das Bedürfnis dafür ist gigantisch», sagt Eva-Maria Kreis. Der Verein organisiert einerseits im Juli 2025 die erste Glarus Pride, unter anderem mit einer queeren Stadtführung und einer Dragshow. Andererseits bereitet er den Kauf des Geburtshauses von Heinrich Hössli vor. Hössli war ein Glarner Hutmacher, Tuchhändler und Schriftsteller. Er schrieb vor beinahe 200 Jahren die erste wichtige Verteidigung der Homosexualität und gilt als – fast vergessener – Vorkämpfer für die gleichgeschlechtliche Liebe.

Auch in dieser Gruppe entspinnt sich eine lebhafte Diskussion. Sie dreht sich darum, wie es gelingt, einen Ort zu schaffen, an dem sich queere Menschen geschützt und sicher fühlen, der aber trotzdem offen ist für alle. Und es geht um die Frage, wie wichtig der Kauf des Hössli-Hauses für das Vorhaben ist. Auch hier kommen viele Ideen und Inputs zusammen. Die Figur Heinrich Hössli und sein Geburtshaus, so der Tenor, bieten eine Gelegenheit, die Geschichte und die Anliegen der queeren Community einem breiten Publikum zu erzählen. Eva-Maria Kreis und Werner Kälin sind zufrieden: «Wir haben viele Ideen bekommen – und die Runde hat die Wichtigkeit des Hauses für unser Vorhaben bestätigt», sagen sie.  

rojektraum_Glarus-304_1878x1252

Im Handumdrehen neigt sich der Nachmittag dem Ende zu. Sechs lokale Projekte sind einen grossen Schritt weitergekommen – und die Macher*innen haben neue Kontakte geknüpft und vielleicht gar Mitstreiter*innen gewonnen. Innert weniger Stunden, so scheint es, ist in dem Projektraum eine Art Gemeinschaftsgefühl entstanden. Eine Teilnehmerin sagt zum Schluss, sie fände es schön, wenn die Gruppe in Kontakt bleiben würde: «Hier herrscht ein Geist, um etwas zu bewegen.» 

Weitere Fördermöglichkeiten

Nach dem Abschluss jedes Projektraums hat die entsprechende Gemeinde oder Teilnehmenden-Gruppe die Möglichkeit, beim Migros-Kulturprozent einen Förderbeitrag für einen zusätzlichen Vernetzungsanlass zu beantragen. Zudem gibt es mehrere weiterführende Unterstützungsangebote für Projekte.

So profitieren die Macher*innen von einer ein- bis zweistündigen Nachbetreuung durch die Moderator*innen. Und je nach Fortschritt des Projekts bietet sich eine Bewerbung für eine Projektförderung – in der Höhe von 2000 bis 10'000 Franken – oder für ein bis zu achtstündiges Gratis-Coaching des Migros-Kulturprozent an.

Bilder: Anna-Tina Eberhard

Deine Meinung